Du liest die ersten Zeilen des neu gekauften Buches, welches du mit einem Gutschein bezahlt hast, den dir vor zwei Jahren ein guter Freund zum Geburtstag übergab.

Es war kein geplanter Kauf, schließlich hast du dir zwei Jahre lang zeit gelassen, den Gutschein einzulösen. Die für dich wichtigen Informationen bei der Auswahl des Buches standen in Form einer Inhaltsangabe auf dem Rückdeckel. Keine Bestseller-Charts oder Trend-Käufe waren für dich bei der Auswahl von Bedeutung. Zehn Zeilen auf dem Rückdeckel reichten dir aus, um über gut oder schlecht zu urteilen. Du bist da seit jeher anders. Offen genug, um immer wieder Neues auf dich zukommen zu lassen; nie gierig nach neuen Trends, eher neugierig auf das was kommen mag, wenn der erste Funke zündet. Dieses jene Buch ist anders. Die Buchdeckel fühlen sich hochwertiger an, die einzelnen Seiten sind rauer und schwerer; und wenn du mit deinem Daumen über den Queue des Buchblockes streifst und die nächste Seite des Buches gemächlich und doch kratzend an der Fingerbeere entlang gleiten lässt, er langsam in Richtung deines Zeigefingers
wandert, nimmt dir das den Raum erhellende Umschlagen der Seite für kurze Zeit den roten Faden der bisherigen Geschichte. So ist es manchmal. Die Norm erfüllt den Bestand und all das, was ungewöhnlich wirkt, macht das Leben aus. Ob nun negativ oder positiv. Das Normwidrige formt ein jedes Leben.

Kannst du dich noch daran erinnern als dir eben jener Freund mal sagte, dass deine Aura in etwa der des Mondes entspreche? Du warst dir in dieser Nacht nicht sicher, ob er nun doch schon etwas zu viel von diesem kostbaren Wein aus dem Burgund getrunken hatte; doch ehe du diesen Gedanken ausführen konntest, fügte er hinzu:

„Es ist wie in einer dieser Nächte, in denen du dich eins mit deiner Umwelt fühlst und all diese Eindrücke auf deine Sinne prasseln: Du hörst, wie deine Sohlen über den Asphalt schlürfen und all die kleinen Kiesel vor deinen Füßen fortrollen, während du all die kleinen nachtaktiven Tiere in deiner Umgebung wahrnehmen kannst, wie sie vor dir flüchten, sich verstecken und auf einmal vollkommene Ruhe herrscht. Du bleibst kurz stehen. Die Kälte der Nacht umgibt deinen nur von einem T-Shirt bekleideten Oberkörper und du spürst, wie sich die Haare auf deinen Armen langsam aufstellen. Dein Blick wandert umher, bis dich der Vollmond in seinen Bann gezogen hat. Er ist nicht wie die Sonne, die du nicht mit bloßen Auge betrachten kannst. Er ist auch nicht wie all die anderen Sonnen des Universums, die als kleine Sterne an unserem Firmament zu sehen sind und durchaus auch eine faszinierende Wirkung auf unseren Geist haben. Der Mond ist anders. Er reflektiert das Licht der Sonne und nimmt die Finsternis der Nacht – nicht strahlend oder blendend, vielmehr hell leuchtend und versetzt uns, wenn wir uns denn darauf einlassen, in eine Art Trancezustand. Obwohl du nun langsamen Schrittes weiter wanderst, kannst du deinen Blick nicht von ihm lassen. Er hat dich vollkommen gefesselt mit seinen Kratern und dieser unbeschreiblichen Aura.“

In jener Nacht warst du perplex, weil sowas noch nie jemand zu dir gesagt hat. Wahrscheinlich wirst du sowas Schönes auch Zeit deines Lebens nicht nochmal zu hören bekommen – aber wer weiß das schon? Drei Wochen später schenkte er dir den Gutschein, den du heute in der Buchhandlung eingelöst hast. Heute vor genau zwei Jahren ist er gestorben und ich habe keine Ahnung ob das nur ein Zufall war, dass du genau heute diesen Gutschein eingelöst hast. Ich habe es nicht kommen sehen. Hätte es dir gern erspart.

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